04.04.2017 - Autor: Heike Bosien und Stefan Hoffmann

Nigerias starke Frauen

Wolfgang Bauer bei der Lesung im Stuttgarter Hospitalhof (Foto: Heike Bosien)

ZEIT-Reporter Wolfgang Bauer zu Gast im Hospitalhof

Tausende von Frauen sind in Nigeria von Boko Haram entführt, vergewaltigt und umgebracht worden. Einige der Opfer dieser Gewalt standen vergangenen Donnerstag im Mittelpunkt der Lesung mit ZEIT-Journalist Wolfgang Bauer. Rund 60 Besucher waren gleichermaßen schockiert von der Brutalität des Lebens der entführten Frauen und andererseits tief beeindruckt von ihrer Kraft und ihrem Willen zu leben.

„Wir haben manchmal Stunden und Tage verbracht, um das Leben zu verstehen... Jedes Land unterscheidet sich vom anderen. Jedes Dorf vom Nachbardorf“, so Wolfgang Bauer über seine Interviews, die er im Juli 2015 in Nigeria führte. Am 30. März 2017 war Bauer zu Gast im Hospitalhof Stuttgart zu Lesung und anschließendem Gespräch. Mit seinem Buch „Die Geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas“ veröffentlicht Bauer Gesprächsprotokolle, die er in Yola, im Norden Nigerias aufzeichnete. Sie führen ein in das Innenleben von Boko Haram und das unendliche Leid, verbildlichen aber auch die Hoffnungen der Gewaltopfer. Ein örtlicher Ziegenhändler und ein Metzger halfen ihm, in Kontakt zu kommen mit jenen Frauen, denen die Flucht aus der Gefangenschaft von Boko Haram Kämpfern gelungen war. Die meisten von ihnen wurden im unzugänglichen, dichten Sambisa Wald gefangen gehalten. Sie haben viel Grausames erlebt. „Ich habe gesehen, wie er tötet. Er war dabei, als sie im Camp fünf Gefangene hingerichtet haben (..) Sie gruben sie bis zum Hals in der Erde ein, dann bewarfen sie sie mit Steinen“, so Rabi, eine der Interviewten, deren Namen im Buch aus Sicherheitsgründen geändert wurden. „Der Mann“, so nennt sie jenen Kämpfer von Boko Haram, mit dem sie zwangsverheiratet wurde. „Wir hatten ein gutes Leben“, berichtet die junge Frau – bis diese Gewalt anfing, deren Leidtragenden nicht nur die Frauen, sondern ebenso ihre Kinder und Männer sind.

Auch Bauers Hintergrundberichte, wie es zu den Interviews kam, brachten Einblick in das Leben vor Ort. „Mir war es wichtig“, so Bauer, „die Frauen erst einmal erzählen zu lassen. Ich fragte nach ihrer Kindheit, nach ihrem Alltagsleben, nach ihren Familien.“ Sie erzählten, scherzten, lachten. Nach zwei Tagen begannen sie auch über jene Momente ihres Lebens zu sprechen, die voller Gewalt und Brutalität waren. Es war entscheidend, so Bauer, Vertrauen aufzubauen. Ein Reporter schreibt über das, was vor seinen Augen passiert. Im Fall von Nigeria war dies nicht möglich. „Wir mussten die Frauen herbitten. Dorthin, wo es sicher war.“

Wolfgang Bauer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Terrororganisationen Nordafrikas, der Sahelzone, des Nahen Ostens. 2014 veröffentlichte er mit seinem Buch „Über das Meer“ Berichte aus den Verstecken syrischer Flüchtlinge in Ägypten, auf den Booten des Mittelmeeres und in Europa. Seit 2010 ist Bauer ZEIT-Reporter. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. „Wenn wir uns in Europa nicht stärker um dieses Gebiet kümmern, wird es uns in den nächsten Jahren um die Ohren fliegen“, so Bauer über die Sahelzone. Hinschauen, das sei wichtig, ob mit Artikeln, Veranstaltungen, Partnerschaftsarbeit oder Hilfsprojekten. Ob er sich ärgere, über das, was die hiesigen Medien über Nigeria schreiben. Seine Antwort ist kurz und bündig: „Auslandsberichterstattung wird in Deutschland als eine Art Luxusgut betrachtet. Das ärgert mich.“

Bereits vor der Lesung stand Wolfgang Bauer für ein Interview von ems-online zur Verfügung: 
Der Terror im Herzen Afrikas

 

Veranstalter der Lesung waren: EJW-Weltdienst, Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung, Evangelisches Missionswerk in Solidarität, Evangelisches Bildungszentrum Hospitalhof.
Die Veranstaltung wurde von der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ)unterstützt.

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