28.10.2019 - Valerian Grupp

Südsudan ist anders

Begegnungen im Südsudan (Fotos: Valerian Grupp, Ursula Hettinger, Arnold Hettinger)

Aus dem Reisetagebuch einer Projektreise in den Südsudan

Nach der Projektreise in Äthiopien ist EJW-Landesreferent Valerian Gruppe direkt weitergereist in den Südsudan. Zusammen mit Ursula und Arnold Hettinger vom Länderausschuss Sudan, die aus Deutschland eingeflogen sind, besucht er vom 27. Oktober bis 6. November 2019 auf Einladung unserer Partnerorganisation IAS verschiedene Projekt im Südsudan.
Auch diese kleine EJW-Weltdienst-Delegation lässt uns in täglichen Kurzberichten an ihren Eindrücken und Begegnungen teilhaben.

 

Montag, 4. November 2019 - Rückflug

Hinter uns liegen rund 1.800km quer durch den Südsudan und Uganda. Viele geplante und spontane Begegnungen und Gespräche haben uns dank der Offenheit und Freundlichkeit der Südsudanesen und Ugander einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen gegeben. Manche haben uns beglückt, manche haben uns getroffen. Wir haben erfahren, wie wichtig die Wasserprojekte für die Menschen hier sind. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist eine wesentliche Voraussetzung für Gesundheit, Bildung und vieles andere.

Heute sind wir in Entebbe angekommen – der letzten Station unserer Reise. Morgen werden wir zurück nach Deutschland fliegen.
Vielen Dank, das ihr uns auf der Reise begleitet habt! Wir freuen uns über Rückmeldungen und Fragen zur Reise und zu den Projekten!

Ursula und Arnold Hettinger, Valerian Grupp

 

Sonntag, 3. November 2019 - Bidi Bidi

Auf dem Weg von Nimule (Südsudan) nach Koboko (Uganda) überqueren wir den Nil. Kurz danach erstrecken sich mehrere Flüchtlingscamps, in denen insgesamt 1 Mio. Flüchtlinge aus dem Südsudan leben. Wir fahren kilometerlang an den Lagern entlang, die sich zu beiden Seiten der Straße erstrecken. Wir staunen über die große Bereitschaft von Uganda, so viele Flüchtlinge aufzunehmen, zumal Bidi Bidi nur eines von mehreren Lagern ist.

Die Lager sind anders als wir sie uns vorgestellt haben. Wir kennen die Bilder aus Griechenland, Libyen und der Türkei. Wir treffen hier in Uganda auf grünes Land. Kein Platzproblem, das Land ist weit, es wächst Mais, Sorghum und Kasava. Jede Familie hat eine kleine Hütte.

Bei der Begegnung mit den Menschen lernen wir, dass trotz der verhältnismäßig guten Umstände jeder Flüchtling seine eigene leidvolle Geschichte erlebt hat.

Viele Flüchtlinge wollen zurück. In die alte Heimat zurückzukehren, heißt noch mal von vorne zu beginnen. Angesichts der politischen Lage im Südsudan, in der jeder Zeit wieder ein Krieg ausbrechen kann, harren sie im Lager aus.

 

Samstag, 2. November 2019 - Welcher Wasserpreis ist richtig?

Das Equipment, das rund um eine, von IAS ( International Aid Service) gebohrte und aufgestellte Wasserversorgungsstation, benötigt wird, ist nicht unbeträchtlich: Pumpe, Leitungen, Schieber, Wassertanks, Solarpanels. Es werden zwar Qualitätsprodukte eingesetzt, aber im rauen Alltag, im Freien, kann etwas kaputtgehen. Für Reparaturen wären Rücklagen, die als Wasserpreis erhoben werden könnten, richtig.

Stella, die täglich Wasser in ihre Kanister abfüllt sagt: "200 SSP (South Sudanese Pound, umgerechnet heutiger Kurs ca. 60 Cent) sind bezahlbar. Ich gebe diesen Betrag monatlich dem Wassercommunity-Verantwortlichen. Insgesamt sind wir 110 Familien, die einzahlen. Hier kommt etwas zusammen!"

Da es im Südsudan weit und breit keine Bank gibt, haben Südsudanesen in der Regel kein Konto. Somit liegt das Geld unter dem Kopfkissen. Die Inflation beträgt über 100% im Jahr. Je länger je mehr macht sie das Geld  wertlos. Egal, welcher Beitrag erhoben wird, Reparaturen sind nicht mehr bezahlbar.
Die wertbeständigste Währung wäre Gold! Wer hat das schon? Obwohl, Wasser wäre Gold wert!
Wer hat die Lösung für diese Probleme im Südsudan?

 

Freitag, 1. November 2019 - Wasser ist Gold!

Wasser ist ein überall gültiges Menschenrecht. Was in Deutschland so selbstverständlich aus dem Wasserhahn kommt, bedeutet im Südsudan harte Arbeit, vorwiegend für Mädchen und Frauen.
Wir hören von Sophia, dass sie jeden Tag zweimal aus 15 km Entfernung Wasser holen muss: "20 l habe ich auf dem Kopf im Kanisterbehälter und 5 l jeweils in den Händen, bei Höchsttemperaturen. Mit dem einen kleinen Kanister stille ich meinen Durst unterwegs."

Wenn wir bei den Bohrlöchern ankommen, sind es zuerst die Frauen, die uns schon von Weitem mit trillern und Freudenrufen begrüßen und Gott und uns danken für "Wasser aus der Erde". Für Sophia wäre ein solcher Brunnen Gold wert!

 

Donnerstag, 31.10.2019 - Warum haben Südsudanesen so kleine Hütten?

Wenn wir durch die Dörfer fahren sehen wir überall kleine Rundhütten. Diese sind mit zusammengebundenen und geschichteten Grasbüscheln gedeckt. Es gibt eine niedrige Türe und ein bis zwei Fensterluken. Der Durchmesser der Hütte beträgt ungefähr drei Meter, große Hütten haben einen Durchmesser von 4 Metern. Reicht das für eine in der Regel 6-8-köpfige Familie, haben wir uns gefragt?

Die Antwort darauf gab uns Martha: Es reicht gut, so ist es im Südsudan. Bei uns läuft alles draußen ab: kochen, waschen, spülen, essen, Kinder versorgen - alles passiert draußen zwischen dem Begrenzungszaun und der Hütte. Nur nachts schlafen, da sind wir innerhalb der Rundhütte.

Wir sind froh, dass es für uns nachts ein richtiges Zimmer gibt, in dem wir unsere tausend Siebensachen ausbreiten können!

 

Mittwoch, 30.10.2019 - Fremdfreuen

Es ist fast ein bisschen peinlich: Gemeinsam mit den Leuten von IAS fahren wir an einen Ort, an dem kürzlich ein Brunnen gebohrt wurde. Wir werden mit Trällern, Winken und Freudenrufen empfangen. Kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen, werden wir herzlich begrüßt und umarmt, in der obligatorischen Willkommensrede nehmen wir überschwänglichen Dank entgegen. Aber es ist uns bestenfalls ein bisschen peinlich, denn wir freuen uns mit den Menschen und freuen uns, was mithilfe der vielen Spenden erreicht werden konnte.

Sehr gerne teilen wir die Freude! Wenn ihr möchtet, ladet uns zur O-Aktion, einem Gemeindeabend oder in den Gottesdienst ein!

 

 

Dienstag, 29.10.2019 - Die Spuren des Krieges

In Dschuba sehen wir immer wieder von Gewehrsalven übersäte Mauern und Häuser. Um sicher nach Nimule zu kommen, schließen sich die Fahrzeuge zu einem Konvoi zusammen. An der Spitze ein bewaffnetes Armee-Fahrzeug. Jeden Tag um 9:00 fährt der Konvoi in Dschuba los. Auf der Straße nach Nimule befinden sich immer wieder verlassenen Ortschaften – es ist noch keine 12 Monate her, dass die Menschen aus ihren Dörfern vertrieben wurden.
Als wir vom langen Frieden in Deutschland erzählen, sagt Godfrey, der Country Director von IAS, „Hier gibt es keine Generation, die den Krieg nicht kennt!“. Bei uns sterben die Zeitzeugen aus, im Südsudan ist der Krieg für jeden Teil der eigenen Geschichte.

Dass wir dann doch nicht mit dem Konvoi nach Nimule fahren ist ein Zeichen der Entspannung und des Weges zum Frieden. Ebenso der Handel an der Straße, der langsam wieder beginnt.

Wir sind dankbar, im Frieden leben zu dürfen - und wollen Menschen unterstützen, die sich für den Frieden in Europa und der Welt einsetzen.

 

Montag, 28.10.2019 - Die Jagd nach dem Sticker

Das Wochenende ist vorbei – auch die Juba Ministerien fangen wieder an zu arbeiten. Für die erforderliche Registrierung von uns als Besucher ist ein persönliches Erscheinen erforderlich. Nicht vor 9 Uhr sollen wir losziehen mit Fahrer und IAS Finanzmitarbeiter, um unseren Besuch zu legalisieren.
Wir fahren quer durch Juba, geteerte Straßen sind selten. Auch hier inmitten der Stadt sind Jeeps das normale Transportmittel.

An unscheinbarer Stelle halten wir. Ein kleines Schild informiert uns, dass hier das Registrierungsbüro für Besucher ist. Jakob, unser Begleiter, hat inzwischen unsere Pässe eingesammelt und einen ganzen Packen SSP (South Sudanesian Pound) abgezählt. Jede Dienstleistung der Regierung in South Sudan kostet, er entschuldigt sich dafür. Nach fünf Minuten kommt er wieder zurück, die Sticker, die zum Ausstellen unbedingt notwendig sind, sind ausgegangen. Das nächste Registrierungsbüro liegt am anderen Ende der Stadt, dieses sollten wir aufsuchen.

Also quer durch Juba. Inmitten eines Marktes ein vierstöckiges Haus, kleines Schild davor, ein Generator macht ohrenbetäubenden Lärm. Wir gehen das enge Treppenhaus hoch, ein dunkler schmaler Gang führt in jedem Stock zu kleinen Büronischen. Wir setzen uns nach Aufforderung in ein Büro auf Plastikstühle, ein Polizist mit drei Sternen auf den Schultern sitzt hinter einem leeren Schreibtisch. Jakob kümmert sich um die Sticker. Wir warten.

15 Minuten später hören wir das Ergebnis: Es gibt auch hier keine Sticker. Jakob zahlt für jeden 35 US$, die Pässe müssen wir dort lassen.

Am nächsten Morgen werden wir es wieder versuchen, denn dann geht unsere Reise weiter nach Nimule.

 

Montag, 28. Oktober 2019 - Die Wunden in den Herzen müssen heilen können

Computer-Training, Sprachkurs, Fußball-Wettbewerb und Existenzgründung, Peace-Club. Was für uns nach einem bunten Blumenstrauß aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als ein YMCA-Repertoire, das gut zu den Bedürfnissen der Menschen hier passt.

Die Leiter stellen uns in einer „Roadshow“ des YMCA ihre Programme vor. Für einen afrikanischen YMCA ungewöhnlich: Alle sind Ehrenamtliche. Auf die Anfrage, in der Mädchenarbeit mitzumachen, hat Nancy spontan „ja“ gesagt. Nach der Uni hatte sie keinen Job und wollte nicht zuhause rumhängen. Jetzt leitet sie nicht nur die Mädchen-, sondern auch die Frauenarbeit und arbeitet bei Traumaseminaren mit.

„Die Wunden in den Herzen müssen heilen können“.

 

 

 

Sonntag, 27. Oktober 2019 - Nur der Generator brummt

Die erste Nacht war gar nicht so schlecht unter unserem Moskitodom. Seit 18 Uhr ist es stockdunkel. Bei unserem Heimweg zum IAS Guesthouse treffen wir kaum noch auf Menschen. Noch brummt der Generator bis 23 Uhr, danach legen sich zwangsläufig auch die Klimaanlage und der Ventilator schlafen. Es wird still.

Jeder muss sich selbst versorgen – mit allem. Elektrizitätsverteilernetze fehlen, Wasserversorgung Fehlanzeige.  Wer sich´s leisten kann versorgt sich. Blaue Wasser-LKW fahren durch die Straßen und Generatoren versorgen die Haushalte mit Strom.

Nachts ist es still und stockdunkel – wir schlafen gut.

 

Samstag, 26. Oktober 2019 - Südsudan ist anders

Touchdown in Dschuba, der Hauptstadt des Südsudan. Nur 1:40 h hat der Flug von Addis gedauert, aber die Welt ist eine andere. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug empfängt uns eine heiß-feuchte Wand. Noch bevor wir in das einfache Flughafen Gebäude können, müssen wir durch eine Baracke, in der Temperatur gemessen wird. Ebola-Prävention. Wir laufen über einige Paletten, die als Weg ausgelegt sind. Im Flughafengebäude bringt uns Josephine[1] sicher durch die Formalitäten. Danach steht der Zoll an: Der Inhalt unserer Koffer wird händisch untersucht. Ein mit Kreide auf den Koffer geschriebenes „Q“ kennzeichnet das Gepäck als geprüft.

Wie gut, dass wir gleich am Flughafen sowohl von IAS als auch von Francis und einigen YMCAern  in Obhut genommen werden.

„Keine Fotos!“ Im IAS-Guesthouse gibt uns William einige hilfreiche Tipps mit auf den Weg. „Lasst den Fotoapparat in der Tasche.“ Außerdem dürfen wir zwischen 19.30 und 6.30 Uhr das Grundstück nicht verlassen. Um 23:00 Uhr geht der IAS-eigene Generator und mit ihm das Licht aus.

Der Südsudan ist anders.


[1] Name geändert

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