05.05.2020 - Andrea Mohn (Redaktion)

Vorbild sein für die nächste Generation

Samah Nader (Mitte) mit Schülerinnen der Berufsschule in Jericho (Foto: VTC Jericho)

Ein Interview mit Samah Naber, Direktorin der YMCA-Berufsschule in Jericho

Die heutige Direktorin der YMCA-Berufsschule in Jericho/Palästina (Vocational Training Center, kurz VTC)  ist Samah Naber, sie lebt in Jericho, ist verheiratet und hat vier Kinder.

Andrea Mohn, Landesreferentin im EJW-Weltdienst hat ihr einige Fragen zu ihrer Arbeit gestellt.

 

Führen die Ausbildungen und Kurse des Vocational Training Centers (VTC) zu Veränderungen in der Gesellschaft?

Samah Nader: Ja, etwa 7.000 Absolventen haben in den letzten 70 Jahren ihre Ausbildung im VTC abgeschlossen, sie wurden zu den Ernährern ihrer Familien und einige von ihnen zu Arbeitgebern für die neuen Absolventen. Das VTC hilft diesen Jugendlichen, ihre Zukunft trotz aller Enttäuschungen, die sie in ihrem Leben durchmachen, aufzubauen, und hilft dem palästinensischen Markt, qualifizierte Arbeitskräfte zu haben, die effizient arbeiten können.


Was motiviert dich, im YMCA zu arbeiten? Was gefällt dir als Direktorin des VTC in Jericho?

Samah Nader: Die Gesichter der neuen Studenten zu sehen, die jedes Jahr ohne Hoffnung und mit geringem Selbstvertrauen zum VTC kommen, ihre Schulen und Familien verlassen und dann in unser Zentrum kommen. Sie von Anfang an mit Bildungs- und Lebenskompetenztraining und sportlichen Aktivitäten zu begleiten und unser Bestes zu versuchen, sie an einem sicheren Ort zu halten, um ihre Zukunft zu gestalten. In 18 Monaten ihre "Smiley-Gesichter" zu sehen, wie sie sich in ihrem Umfeld bewegen, um aktive Mitglieder in ihren Gemeinden und dann Facharbeiter auf dem Markt zu sein und gute Väter und Mütter der neuen Generation zu sein, ist das Beste unserer Arbeit.


Wie bist du zu diesem Job und in diese Position bekommen?

Samah Nader: Ich habe meinen Master in Soziologie (Entwicklungs- und Sozialpolitik) 2007 abgeschlossen, damals war ich als Projektkoordinatorin für den YWCA in Ramallah tätig. Ich bin mit meiner Arbeit viel gereist, und es war für mich offensichtlich, dass die palästinensische Jugend in einer anderen Situation lebt als alle anderen Jugendlichen auf der ganzen Welt. Besatzung und Armut und Chancenlosigkeit waren die Faktoren, die unsere Jugend am häufigsten sieht, deshalb hatte ich das Gefühl, dass es viele Dinge gibt, an denen ich mich beteiligen kann, um das Leben der jungen Leute wieder zum Strahlen zu bringen.

Im Jahr 2007 zog ich nach meiner Heirat nach Jericho um. Ich bewarb mich bei der YMCA-Berufsschule (VTC) um eine Stelle als Lehrerin für politische Bildung. Diese Aufgabe habe ich sehr genossen. Es war eine Chance für mich, täglich mit den Jugendlichen des VTC zu arbeiten und ihren Kummer zu spüren, gleichzeitig war ich Teilzeitdozentin an der Alquds Open University. Später erkannte ich, dass mir meine Arbeit mit dem VTC mehr Spaß macht als die Arbeit an der Universität, also verließ ich die Universität und arbeitete weiter am VTC. 2012 wurde ich stellvertretender Direktorin des damaligen wunderbaren und vorbildhaften Rektors Ismail Hamdan, der 2019 verstorben ist. Im März 2019 ernannte mich der YMCA zur Direktorin des VTC.


Was sind die aktuellen Herausforderungen im VTC?

Samah Nader: Die finanzielle Frage ist die Hauptherausforderung für das VTC, vor allem, dass unsere Studenten ihre Ausbildungsgebühren nicht decken können, so dass die Suche nach neuen finanziellen Mitteln die ganze Zeit eine sehr harte Arbeit ist.

Außerdem erschwert das Leben unter der Besatzung die Jugendlichen, sich auf ihre Zukunft zu konzentrieren, da die israelische Regierung ständig Maßnahmen ergreift, wie z.B. die Schließung der Städte, die Festnahme von Jugendlichen oder auch eine langwierige Anfahrt mit Kontrollen bis zum VTC. Aber da wir eine Internatsabteilung haben, können die jungen Leute zumindest während des Ausbildungsjahres an einem sicheren Ort untergebracht werden.

 

Was läuft gut im VTC?

Samah Nader: Die Zusammenarbeit mit einem sehr freundlichen Team im VTC, das über eine lange Erfahrung mit seiner Arbeit verfügt, erleichtert es, die traditionelle Arbeit im VTC fortzusetzen und sie so weiterzuentwickeln, dass sie vollständig mit dem (Arbeits-)Markt verbunden ist.

Es gibt eine starke Verbindung mit dem privaten Sektor und anderen Organisationen und Einrichtungen, die in Jericho und im Jordantal arbeiten, sowie mit der palästinensischen Regierung.

Der Vorstand und der Generalsekretär des CVJM ermutigen uns immer wieder, die gute Arbeit fortzusetzen.

 

Welche Auswirkungen haben die Unterstützung und die Spenden des EJW-Weltdienstes aus Deutschland im VTC?

Samah Nader: Das EJW ist einer der besten, sehr langjährigen Partner für das VTC .

Wir haben das ganze Jahr über Gespräche und sind stets miteinander verbunden, um Ideen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Im Jahr 2019 brauchte das VTC dringend Hilfe, nachdem wir den VTC-Van verloren hatten, mit dem wir Frauen aus ganz Jericho und dem Jordantal ermutigt haben, an unseren Trainingsprogrammen teilzunehmen, und wir haben eine sehr schwere Zeit durchgemacht. Das EJW hat uns nicht alleine gelassen und startete eine Spendenaktion für uns, und wir konnten in sehr kurzer Zeit die Programme mit einem neuen Bus weiter durchführen.

Außerdem hilft uns das EJW im Folgenden:

1. Stipendien für die bedürftigsten Studenten zu sammeln
2. Offene Zusammenarbeit mit Berufsschulen in Deutschland
3. Entwicklung unserer Aus- und Weiterbildungsprogramme
4. Verbesserung einiger VTC-Einrichtungen

Die stetige Weiterentwicklung unserer Arbeit und das Erreichen von mehr bedürftigen Studenten ist also der Schwerpunkt unserer Zusammenarbeit mit dem EJW.

 

Was ist deine liebste Erfahrung im VTC, die du mit uns teilen möchtest?

Samah Nader: Jeder Tag im VTC ist eine neue Erfahrung. Die positive Energie, die ich von den Studenten und Mitarbeitern erhalte, ist unglaublich!

Aber ich kann eine Geschichte von einem jungen Mädchen erzählen, sie kam vor vier Jahren in das VTC-Zentrum, sie belegte Kurse in der Grafikdesignabteilung und der Büroverwaltung. Als ihr Vater starb, hatte die Familie kein Einkommen mehr. Nach ihrem Abschluss im VTC bekam sie einen Vollzeitjob an der Universität. 2019 eröffnete sie ihren eigenen Geschenkeladen, so dass sie nun morgens eine Arbeit und den restlichen Tag ihr eigenes Projekt hat und damit den Unterhalt für ihre Familie verdient.
Ihre jüngere Schwester hat sich dieses Jahr für einen unserer Kurse angemeldet.

 

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Projekt-Nr. AUT105 Palästina/Israel - Ausbildung in Jericho

 

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